Gedenkveranstaltung zum 9. November 2025

11.11.2025

PL

Gedenkgottesdienst am 9. November 2025 in Schwanenberg Zum Jahrestag der Novemberpogrome finden in der Stadt Erkelenz seit vielen Jahren viel beachtete Gedenkveranstaltungen statt. Wir erinnern uns ...

Gedenkgottesdienst am 9. November 2025 in Schwanenberg

Zum Jahrestag der Novemberpogrome finden in der Stadt Erkelenz seit vielen Jahren viel beachtete Gedenkveranstaltungen statt. Wir erinnern uns an eindrückliche Lesungen der Namen von jüdischen Todesopfern mit Herkunft, Todesdatum und Todesort. Schon traditionell engagieren sich die weiterführenden Schulen stark mit ihren eigenen Schüler-Beiträgen bei diesen Veranstaltungen.

Da der 87. Jahrestag in diesem Jahr auf einen Sonntag fiel, sollte es für die Stadt Erkelenz einen ökumenischen Gedenkgottesdienst in Schwanenberg geben, so die Vereinbarung zwischen Bürgermeister Stephan Muckel und Pfarrer Robin Banerjee, mit anschließenden Gedenkreden am Gedenkstein der ehemaligen Synagoge und weiteren Gedenkreden, Chorgesang und Kranzniederlegung am Jüdischen Friedhof in Lentholt.

Die Gestaltung eines Gedenkgottesdienstes war eine besondere Herausforderung, eine Aufgabe, der sich Pfarrer Banerjee mit großem Respekt stellte. Was und wie sollte in einem Gottesdienst gesprochen werden, wie sollte der Ablauf gestaltet werden, um authentisches Gedenken zu ermöglichen?

Hierzu lud Banerjee eine kleine Gruppe von Interessierten ein, die er nach ihren persönlichen Berührungspunkten zur nationalsozialistischen Zeit in Schwanenberg befragte. Es entwickelte sich ein Abend mit bedrückenden Erzählungen über Kriegs- und Wehrmachtserlebnisse, Erinnerungen an das Schicksal einer jüdischen Familie aus Beckrath, der Geschichte der Schwanenberger Juden und der Synagoge und der Arbeit von Dr. Paul Gerhard Aring (Pfarrer in Schwanenberg von 1970 bis 1978) zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden sowie Eindrücke über eine Veranstaltung der Schwanenberger Kirchengemeinde zur Aufarbeitung der Judenverfolgung in Schwanenberg im Jahr 2003.

Aus dieser vielschichtigen Sammlung von persönlichen Geschichten leitete sich dann die Struktur des Gottesdienstes ab. Die fünf Beteiligten würden „ihr persönliches Gedenken“ in eine Ich-Botschaft kleiden, die während des Gottesdienstes verlesen wurde.

Hier stelle ich die Beteiligten vor:

Markus Horn, Lehrer, Lentholt
Er schildert die Geschichte des jüdischen Lebens in Schwanenberg bis hin zur nahezu lautlosen Deportation der Schwanenberger Juden in die NS-Konzentrationslager. Hier weiter zu diesem Text:

Karl-Heinz Laufs, Lehrer und Künstler, Golkrath
Er gibt die Erzählungen seiner Großtante aus Beckrath wieder, die hautnah die Schikanen, Verfolgung und schließlich die Verschleppung ihrer jüdischen Nachbarfamilie erlebt hatte. Hier weiter zu diesem Text:

Gerd Theißen, Journalist, Genfeld
Er erzählt von seinem Vater, der als 17-Jähriger spät in den Krieg eingezogen wurde und sein Leben lang daran trug, Soldat in der Waffen-SS gewesen zu sein. Hier weiter zu diesem Text:

Dr. Johannes Aring, Kardiologe, Leverkusen-Schlebusch
Er schildert die Beschäftigung seines Vaters Paul Gerhard Aring mit dem Judentum während seiner Zeit in Schwanenberg, sein kirchenpolitisches Engagement bis hin zu einer fundamentalen Veränderung des Denkens im Blick auf den christlichen Glauben und das Verhältnis zur jüdischen Religion. Hier weiter zu diesem Text:

Hubert Rütten, „Erinnerungsarbeiter“, Erkelenz
Er ruft eine durch den ehemaligen Superintendenten Klaus Eberl moderierte Veranstaltung der Kirchengemeinde Schwanenberg von 2003 in Erinnerung, in der der jüdische Zeitzeuge Alexander Salm über die NS-Zeit und die Judenverfolgung in Schwanenberg berichtete und – endlich – auch die Schwanenberger über ihre Erinnerungen sprachen und zuhörten. Hier weiter zu diesem Text:

Robin Banerjee, Pfarrer, Schwanenberg
In seiner Predigt schlägt er die Brücke zwischen den fünf Wortbeiträgen und spricht über den Satz: „Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die Freiheit des Anderen eingeschränkt wird.“ Hier zieht er die Zehn Gebote in Betracht, die den menschlichen Umgang regeln und somit Schutzräume für gemeinschaftliches Handeln schaffen. Hier weiter zu diesem Text:

Die Kirche am Gedenktag ist gut besucht. Erfreulich viele junge Leute verteilen sich in den Bänken. Obwohl das gesprochene Wort dominiert, verfolgen alle Zuhörer aufmerksam und neugierig die Beiträge. Ich bin tief berührt von den Erzählungen. Manchmal fassungslos. Aber auch beeindruckt von den gestellten Fragen und von den Schlüssen, die die Vortragenden daraus ziehen. Auch für sich selbst. Welche Schlüsse ziehe ich für mich?

Ein weiblicher Gegenpol zeigt sich während des Gedenkgottesdienstes in der außergewöhnlichen musikalischen Begleitung.
Das Duo Aken2 mit der Cellistin Soraya Ansari und Luis Castellanos am Klavier spielt die musikalischen Übergänge zwischen den Wortbeiträgen. Wir hören Stücke von Ernest Bloch und Maurice Ravel. Alle Vorträge sind wunderbar stimmig und werden äußerst empathisch und mit viel Emotion dargeboten.

Ein anderes Format der musikalischen Darbietung liefert das Duo EigenARTs mit Waltraud Barnowski-Geiser und Beate Theißen. Sie tragen aus ihrem aktuellen Programm das Chanson „Sei Mensch“ vor, in Anlehnung an den gleichlautenden Aufruf von Margot Friedländer. Ebenfalls ein stimmiger und bewegender Vortrag.

Der Gedenkgottesdienst hat mich und viele andere sehr bewegt. Etliche der Mitwirkenden des Gottesdienstes werden auf dem Weg zu den Schwanenberger Gedenkstätten von den Teilnehmern angesprochen und erfahren viel Zuspruch und Wertschätzung, oft nur als eine Geste. Es war ein Gedenkgottesdienst, der bei vielen noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Paul Landmesser