Gedenken 9.11.2025 Text Pfr. Robin Banerjee

frei sein

Der Morgen dieses Tages ist still.
Ein Tag der Erinnerung.
Ein Tag des Gedenkens.

Wir denken an die Nacht, in der Synagogen brannten.
An Nachbarn, die zu Feinden gemacht,
an Menschen, die entrechtet und vernichtet wurden.

Wir erinnern uns –
nicht nur an das, was geschehen ist,
sondern auch an das, was geschehen konnte,
weil Menschen glaubten, sie seien frei,
über andere zu herrschen.

Darum stehen wir heute hier –
um zu begreifen, was wahre Freiheit ist.

Dabei helfen mir die 10 Gebote und wie ich gelernt habe, sie zu verstehen.
Lange schienen sie mir streng, voller Einschränkungen –
wie eine Liste von „Du darfst nicht“.
Heute weiß ich:
Sie sind Worte der Freiheit.

Denn bevor Gott ein einziges Gebot spricht, sagt er:
„Ich bin der HERR, dein Gott,
der dich aus Ägypten geführt hat,
aus dem Haus der Knechtschaft.“

Am Anfang steht nicht das Gesetz –
am Anfang steht die Befreiung.

Gott befreit –
und zeigt dann, wie Freiheit bleiben kann.

Denn Freiheit ohne Maß zerstört sich selbst.
Sie wird zur Freiheit der Starken über die Schwachen,
zur Freiheit der Lauten über die Stillen.

Darum gibt Gott Grenzen –
nicht, um uns kleinzuhalten,
sondern um das Leben zu schützen.

Freiheit braucht Grenzen.
Wie ein Fluss seine Ufer braucht,
um Leben zu spenden.

Wo kein Ufer ist,
da versickert das Wasser,
oder es reißt alles mit sich fort.

Aber wo Ufer sind,
da kann der Fluss Kraft gewinnen,
Richtung finden,
Leben bringen.

So sind die 10 Gebote Ufer der Freiheit.
Sie ziehen keine Zäune – sie eröffnen Räume.
Sie sagen nicht: „Bleib stehen.“
Sie sagen: „Geh – aber achte auf den Weg des anderen.“

„Du sollst nicht töten“ – das schützt das Leben.
„Du sollst nicht stehlen“ – das schützt die Würde und das Brot des anderen.
„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“ – das schützt die Wahrheit,
ohne die die Freiheit zerbricht.
Und „Gedenke des Sabbats“ – das schenkt Zeit,
in der keiner über den anderen herrscht,
Zeit, in der jeder einfach Mensch sein darf.

In diesen Geboten liegt keine Einschränkung,
sondern Befreiung.
Sie lehren uns, was es heißt, menschlich zu bleiben.
Sie schaffen einen Raum,
in dem niemand Angst haben muss,
vom Willen eines anderen überrollt zu werden.

Wenn ich auf den 9. November schaue,
dann sehe ich, was geschieht,
wenn diese Grenzen missachtet werden.
Wenn Menschen sich selbst zum Maß aller Dinge machen.
Wenn Gottes Name missbraucht
und das Leben des anderen entwertet wird.

Dann brennt die Freiheit –
zuerst in den Herzen,
dann in den Straßen.

Und ich sehe,
wie schwer es auch heute noch ist,
Grenzen als etwas Gutes zu begreifen.
Wir erleben es –
auch im Land Israel,
in Palästina,
wo Grenzen umkämpft sind,
wo Menschen Freiheit suchen,
Sicherheit, Würde, Heimat.

Israel und Palästina brauchen eigene Grenzen,
damit das Leben in ihm geschützt ist.
Aber jede Grenze verliert ihren Sinn,
wenn sie zur Mauer gegen die Menschlichkeit wird.

Gottes Gebote lehren uns:
Grenzen sollen schützen –
nicht spalten.
Sie sollen Leben sichern –
nicht Freiheit rauben.
Sie sind dazu da,
dass Menschen nebeneinander leben können,
ohne sich zu vernichten.

Darum sind die 10 Gebote kein Relikt vergangener Zeiten.
Sie sind eine bleibende Einladung:

Lebe frei –
aber nicht auf Kosten der anderen.
Gestalte deine Freiheit so,
dass sie den Raum des anderen achtet.
Denn nur dann bleibt sie menschlich.

Wir brauchen diese Erinnerung heute wieder –
in einer Welt,
in der Grenzen verschwimmen
und Rücksicht verloren geht.

Freiheit ohne Verantwortung wird zur Waffe.
Doch Freiheit mit Verantwortung wird zur Hoffnung.

Gott schenkt uns diese Freiheit,
doch wir sind nur frei,
wenn die anderen es auch sind.

Pfarrer Robin Banerjee