Juden in Schwanenberg
Die ersten Juden kamen spätestens im 2. Jahrhundert nach Christus ins Rheinland – zeitgleich mit den ersten Christen. Für ihre keltischen, germanischen und römischen Nachbarn waren Juden und Christen dabei anfangs kaum zu unterscheiden. Sie sahen gleich aus und beteten komischerweise nur zu einem einzigen Gott. Das änderte sich erst, als das Christentum im 4. Jhdt. unter Kaiser Konstatin zur Staatsreligion im Römischen Reich wurde. Auf einmal waren die Christen etabliert und die Juden wurden zu Außenseitern, die über die folgenden Jahrhunderte mal mehr und mal weniger verfolgt wurden.
Um das Jahr 1600 herum nahm die Verfolgung drastische Ausmaße an. Aus vielen großen Städten wurden Juden vertrieben. Einige von ihnen fanden Zuflucht in der damaligen Reichsfreiherrschaft Wickrath, zu der auch Schwanenberg, Lentholt, Genhof und die linke Straßenseite von Genfeld gehörten. Der Reichsfreiherr gewährte den Juden „Schutz“. Diesen ließ er sich durch eine zusätzliche „Judensteuer“ allerdings auch teuer bezahlen. So gründeten Juden bei uns in Schwanenberg eine Synagogen-Gemeinde und bestatteten „gen Eng“ in Lentholt für die folgenden 300 Jahre ihre Toten.
Die ursprüngliche Synagoge befand sich ebenso wie der Friedhof in Lentholt. In den 1860er-Jahren war sie baufällig geworden und zu klein und es wurde die neue Synagoge am Lindchesweg in Schwanenberg eingeweiht – ganz in der Nähe unserer evangelischen Kirche. Im Kreisblatt wird die Einweihung als voller Erfolg der friedlichen und guten Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden beschrieben. Alle Honoratioren des Kreises Erkelenz und der Zivilgemeinde Schwanenberg waren anwesend. Nach der Einweihung feierten Juden und Christen gemeinsam ein großes Fest in Büddings Saal.
Dann setzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung eine wirtschaftliche Depression ein. Die ärmeren Teile der ländlichen Bevölkerung verließen die Dörfer und zogen in die Städte. Dieser Exodus betraf nicht nur die Juden, sondern alle Armen, die keinerlei Ackerland besaßen. Aber die meisten Juden waren eben sehr arm. Niemand von ihnen besaß Ackerland.
Zu Beginn der Nazizeit lebten nur noch wenige Juden in Schwanenberg. Die Synagoge hatte schon lange ihre Bedeutung verloren. Es kamen nicht mehr genug männliche Erwachsene zusammen, um einen gemeinsamen Gottesdienst zu feiern.
Diese Tatsache schmälert allerdings nicht das Verbrechen des 9. November 1938, als Mitglieder der Hitlerjugend und SA die Synagoge so stark demolierten, dass sie danach baufällig war und nach dem Krieg im Jahre 1946 schließlich abgerissen wurde. Der jüdische Friedhof wurde geschändet und die Grabsteine wurden zerstört. Menschen hatten ihren Mitmenschen alles genommen. Ihre Würde, Ihre Freiheit, Ihr kulturelles Erbe, ihr Leben.
Heute bleiben uns ein Gedenkstein am Lindchesweg, ein Straßenschild am Leyensring und der jüdische Friedhof, um uns an einen Teil unserer Geschichte und unserer Kultur zu erinnern, der einfach nicht mehr da ist.
Ich habe oft versucht, mir vorzustellen, wie mehr als 300 Jahre lang Menschen jüdischen Glaubens die gleichen Wege durch unsere Dörfer gingen, die wir heute noch gehen. Ich versuche zu begreifen, dass auf dem jüdischen Friedhof nur knapp zweihundert Meter von dem Haus entfernt, in dem ich lebe, im Laufe der Jahrhunderte einige hundert Menschen begraben wurden. Was bleibt von ihnen, ihrer Religion, ihrem Glauben, ihrer Kultur? Irgendwie spüre ich, dass etwas von ihren Seelen immer noch da ist. Aber die Ungeheuerlichkeit des Holocausts und die Tragik des Verlusts jüdischen Lebens in unseren Dörfern werde ich nie in meinem Leben begreifen oder in Worte fassen können.
Gott schenkt uns Freiheit, doch wir sind nur frei, wenn die anderen es auch sind.
Markus Horn

