Ein Abend im evangelischen Gemeindehaus
Ich erinnere mich noch sehr an einen Abend am 13. Februar 2003 hier in Schwanenberg. Wir saßen im benachbarten Gemeindehaus. Das Presbyterium wollte die Abweisung des Straßennamens „Leyensring“ im neuen Baugebiet „In der Schlei“ aufarbeiten und hatte zu einer Veranstaltung der Erwachsenenbildung eingeladen.
Superintendent Klaus Eberl hielt zunächst einen hervorragenden Vortrag über „Die Bedeutung des jüdischen Lebens in unserer Gesellschaft“, sein Kernthema war „Gedenken“, was mehr sei als „Erinnern“. Dann meldete sich Alex Salm aus Wegberg zu Wort. Er war eingeladen worden, um über die hiesige jüdische Gemeinde und sein eigenes Schicksal zu erzählen.
Alex Salm war Jude und ein ehemaliges Mitglied der Jüdischen Gemeinde Schwanenberg. Sein Vater Moses Salm hatte in Wegberg einen Viehhandel, sein Onkel Jacob Salm war der letzte Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde gewesen.
Noch immer – nach über 20 Jahren – kann ich mich meiner damaligen Erschütterung erinnern. Ich war tief bewegt. Zum ersten Mal nach dem Krieg berichtete ein überlebendes Mitglied der jüdischen Gemeinde von Schwanenberg den christlichen Schwanenbergern seine Erlebnisse in und nach dem Holocaust. Zum ersten Mal kam es so zu einem Dialog mit der erwachsenen Dorfbevölkerung. Alex Salm war ein sehr kommunikativer Mensch, der sein Jüdisch-Sein nie versteckt hatte. Auf Einladung Wegberger Schulen hatte er auch schon Jahre früher in den Schulklassen gesprochen, aber erst auf dieser Veranstaltung sprach er in Schwanenberg.
Die Veranstaltung war sehr gut besucht, ich empfand auch eine gewisse Spannung im Raum. Leider fand keine akustische Aufzeichnung statt, noch wurde ein Protokoll angefertigt. Vermutlich hätte dies damals den Dialog zwischen Alex Salm und den Zuhörern gestört. Ich habe am nächsten Tag für mich einige Punkte des Gesprächs niedergeschrieben. Heute bedauere ich sehr, dass ich damals so wenig aufgeschrieben habe, aber über diesen Abend gibt es auch zwei Gemeindebriefartikel (Ausgabe März-Mai 2003).
Alex Salm stellte damals in seinem Vortrag mehrmals die Frage: „Wo waren die Schwanenberger?“ Er meinte natürlich die Zeit der NS-Verfolgung.
Er berichtete, dass schon vor 1933 Fenster der Synagoge eingeworfen worden seien. Sein Onkel ließ als Vorsteher die Fenster wieder neu einsetzen. In den 20er-Jahren konnte in der Synagoge am Schabbat kein regelmäßiger Gottesdienst mehr stattfinden, da die hierfür benötigte Mindestzahl von 10 männlichen, erwachsenen Juden von der Gemeinde nicht mehr gestellt werden konnte. Sein älterer Vetter Albert Salm, gleichfalls aus Wegberg, war der letzte jüdische Junge, der hier 1934 seine Bar Mitzwa feiern konnte. (Im Alter von 13 Jahren wird ein Mann erstmals zur Lesung aus der Thora aufgerufen und somit religionsmündig.) Alex Salm feierte seine Bar Mitzwa in der Synagoge von Wassenberg.
Er war wie die anderen jüdischen Männer damals am Vormittag des 10. November 1938 verhaftet und im Alten Rathaus von Erkelenz – damals befanden sich unter den heutigen offenen Arkaden geschlossene Räume – eingesperrt worden.
Ein weiteres Diskussionsthema war der Jüdische Friedhof in Lentholt. Nach dem Krieg stand dort kein einziger Grabstein mehr. Diese sollen im Straßenbau verwendet worden sein. Einer der Zuhörer bemerkte, dass schon vor 1933 die Gräber ungepflegt gewesen seien. Doch dieses Argument konnte entkräftet werden. An dem Abend wurde deutlich, dass dieser Umstand auf die besondere jüdische Bestattungskultur zurückzuführen sei, die Grabpflege und überhaupt Besuche auf dem Friedhof nur selten vorsieht. Die Toten warten dort eine Ewigkeit auf den Tag des Jüngsten Gerichts.
Der Abend im Gemeindehaus hatte insgesamt keinen anklagenden Charakter, im Gegenteil, viele alte Schwanenberger waren sich einig: Gut, dass wir begonnen haben, darüber zu sprechen; ehrlich und offen, auch über die Ängste, die uns damals gelähmt haben. Und ich zitiere eine Erkenntnis dieses Abends aus dem Gemeindebriefartikel: „Zivilcourage zeigen bedeutet, die eigene Angst zu überwinden und ein Risiko für sich und seine Familie einzugehen. ‚Wegsehen‘ ist auch heute bei kritischen Situationen die einfachere Lösung.“
Im Nachgang dieses Abends wurden ein Gedenkstein am ehemaligen Standort der jüdischen Synagoge genauso wie eine Gedenktafel am Schwanenberger Mahnmal installiert. Der Jüdische Friedhof wurde in einen angemessenen Zustand versetzt und wird dauerhaft gepflegt. Er ist eine Station der „Route gegen das Vergessen“. Und eine Straße des Neubaugebietes Tichelkamp erhielt den Namen „Leyensring“ und erinnert somit an die in Schwanenberg ansässige, jüdische Familie „Leyens“.
Alex Salm wurde im Dezember 1941 nach Riga verschleppt. Er wurde dort mit einem Ochsenziemer so schwer verprügelt, dass er lebenslange Narben davontrug und seinen Arm nur noch bis zu einer gewissen Höhe anheben konnte. Er durchlief über 20 verschiedene Konzentrationslager. Er verlor seine gesamte Familie und kehrte am Tag von St. Peter und Paul nach Wegberg zurück. Er sagte meist nicht den Tag und Monat seiner Rückkehr, also den 29. Juni, sondern für ihn als Wegberger war es der Tag von St. Peter und Paul, denn dies war der Wegberger Kirmestag. Er fühlte sich als Deutscher und wollte nach 1945 nicht emigrieren. 1959 zog er ins Bergische Land, weil er in Wegberg das menschliche Klima ihm gegenüber nicht mehr ertrug. Aber er bekam Heimweh und kehrte 1972 zurück.
Gott schenkt uns Freiheit, doch wir sind nur frei, wenn die anderen es auch sind.
Hubert Rütten, Heimatverein Erkelenz
