Nachbarschaft
Wenn wir am 9. November der Verfolgung der jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen durch die Nationalsozialisten gedenken, dann verbinde ich mit diesem historischen Ereignis immer auch eine ganz persönliche Geschichte, die mir meine Mutter oft erzählt hat. Eine erlebte Geschichte von ihrer Tante aus Beckrath. Die Tante meiner Mutter war Augenzeugin, die das schmerzlich Erlebte in ihrem Herzen getragen, aber auch weitererzählt und auf den Weg gebracht hat – bis in den heutigen Gottesdienst.
In den Jahren 1940 und 41 musste meine Großtante schmerzhaft erfahren, dass auch das kleine Dorf Beckrath bei Wickrath nicht vom Rassenwahn und der menschenverachtenden Politik der Nationalsozialisten verschont blieb. Völlig unerwartet bekam sie Anfang der 40er-Jahre Besuch von der sogenannten „Ordnungspolizei“. Bei Androhung einer Strafe wurde ihr unmissverständlich mitgeteilt, dass sie ab sofort ihre Beziehungen zu ihren Nachbarn, „den Juden“, abzubrechen habe. In ihren Erzählungen hat meine Mutter immer wieder betont, wie fassungslos meine Großtante gewesen sei, denn sie hatte sich immer gut mit ihren jüdischen Nachbarn, die nebenan wohnten, verstanden. Von daher sei es auch nicht verwunderlich gewesen, dass sie die Anweisungen der Ordnungspolizei oftmals ignoriert habe.
„Ja, Angst hatte ich schon, aber ich musste das tun, weil es der jüdischen Familie immer schlechter ging“, habe sie immer wieder gesagt, „unsere Nachbarn wurden oftmals schikaniert und bekamen viele Verbote auferlegt. Ich habe meine Kontakte, so gut ich konnte, verheimlicht. Durch ein Loch in der Hecke habe ich Ihnen öfter etwas zu essen gebracht. Die hatten ja fast nichts mehr, es war furchtbar. Ihr könnt es Euch nicht vorstellen.“
Sichtlich bewegt hat meine Großtante meiner Mutter auch von der Deportation ihrer jüdischen Nachbarn im Jahre 1941 erzählt. „Ich habe hinter der Gardine gestanden, als eines Tages ein Lastwagen bei meinen Nachbarn vorfuhr, ich konnte alles beobachten. Ich sehe sie alle noch vor dem Haus stehen, in Mäntel gehüllt, es war kalt und fast alle trugen einen Koffer. Unter harschen Anweisungen wurden sie gezwungen, den Lastwagen zu besteigen. – Ich konnte mich nicht einmal mehr verabschieden. Als sie losfuhren, habe ich mir die Tränen aus den Augen gewischt. Ich habe sie nie wieder gesehen. Wer weiß, was man mit ihnen angetan hat“, hat sie gesagt, „man hört ja so schreckliche Sachen, ich will gar nicht darüber nachdenken.“
Vor etwa acht Wochen, als Vorbereitung auf den heutigen Tag, bin ich nach Beckrath gefahren. Ich wollte wissen, ob sich die Geschichte von den örtlichen Gegebenheiten her so abgespielt haben konnte. Das Haus meiner Großtante am Ortseingang habe ich recht schnell wiedererkannt, denn als Kind bin ich mit meinen Eltern einige Male in Beckrath gewesen. Die Hecke neben dem Haus gab es nicht mehr. Das stattliche Haus daneben, das Nachbarhaus, hatte ich bis dahin nie beachtet, es war mir fremd. Seine Bauweise, eine Architektur der 20er-Jahre, verwies darauf, dass es seit mindestens 100 Jahren an diesem Ort stehen muss. „Das passt“, dachte ich, und im gleichen Moment fielen mir die messingfarbenen quadratischen Steine auf, die in den Bürgersteig eingelassen sind. Sogenannte „Stolpersteine“, auf denen die Namen der deportierten Menschen eingraviert sind.
Für mich war es ein bewegender Augenblick, weil ich zum ersten Mal die Erzählung meiner Großtante mit den Namen und dem Schicksal einzelner Menschen in Verbindung bringen konnte. Im Archiv der Stadt Mönchengladbach konnte ich nachlesen, dass alle jüdischen Bewohner des Hauses unter dem Tarnbegriff „Arbeitseinsatz im Osten“ vom Bahnhof Mönchengladbach aus am 10. Dezember 1941 deportiert wurden. Die Fahrkarten mussten sie selbst bezahlen. Nach einer dreitägigen Zugfahrt, ohne Wasser und Verpflegung, erreichte die jüdische Familie aus Beckrath die Stadt Riga in Lettland:
Max Liffmann, 61 Jahre, und Selma Liffmann, 62 Jahre, wurden 1942 im Ghetto Riga ermordet. Die anderen Familienmitglieder wurden bereits 1941 wie viele tausend andere Menschen auch, unmittelbar vor Riga in einem Waldgebiet ermordet: Albert Leven wurde 36 Jahre alt; Herta Leven wurde 27 Jahre alt; Manfred Leven wurde 8 Jahre alt; Walter Leven wurde 6 Jahre alt; Mirjam Leven wurde 1 Jahr alt.
Gott schenkt uns Freiheit, doch wir sind nur frei, wenn die anderen es auch sind.
Karl-Heinz Laufs
