Mein Vater, Paul-Gerhard Aring, wurde in Rheydt geboren.
Die Reichsprogromnacht 1938 hat er als 12jähriger erlebt.
Wenn ich mich an die Schilderungen seiner ganz persönlichen, vor allem auf dem Schulweg zum Gymnasium in Mönchengladbach am 10.11.1938 entstandenen Eindrücke vor jetzt 87 Jahren zurückerinnere, würde ich folgende Gefühle bei ihm vermutet haben: eine gewisse Perplexität und zugleich stumme Verunsicherung, keinesfalls aber offenes Entsetzen, das in irgendeine Form des Widerstandes hätte münden können.
Ich weiß nicht, ob mein Vater damals beim Jungvolk war.
Ich weiß aber, dass er mit 14 Jahren der Hitlerjugend angehörte.
Ich weiß, dass er mit 16 Jahren Flakhelfer wurde.
Ich weiß, dass er mit 18 Jahren in einem Panzer an der Ostfront gesessen hat.
In den Wirren des Kriegsendes kam er nach einigen Irrwegen in Böhmen nicht in russische, sondern in amerikanische Gefangenschaft, noch dazu unversehrt. Nach 14 Tagen wurde er in die Heimat entlassen.
Mein Vater hatte wirklich großes Glück in dieser Zeit.
Nach ersten Jahren als Gemeindepfarrer hat sich mein Vater mit seiner Familie (damals 3 Kinder) 1960 nach Neuguinea begeben, auch aus einer gewissen Abenteuerlust heraus. Sein klarer Auftrag im Dienste der Rheinischen Mission war, die dortigen Heiden zu bekehren. Ich bin 1961 dort geboren worden.
Nach dem Ende der holländischen Kolonialherrschaft kehrten meine Eltern 1964 nach Deutschland zurück, mein Vater wurde Gemeindepfarrer in Düsseldorf. Ausgehend von seinen praktischen Erfahrungen in der Missionsarbeit erstellte er damals eine theologische Doktorarbeit zum Stellenwert der christlichen Mission.
Ich würde behaupten, dass mein Vater mit dieser Arbeit eine kritische Reflexion christlicher Missionsarbeit beabsichtigt hat. Er kam aber nicht zu dem Schluss, dass diese Missionsarbeit entbehrlich sei.
1970 nahm mein Vater seine Tätigkeit als Gemeindepfarrer in Schwanenberg auf. Ich habe bis 1979 die wichtigste Zeit meiner Kindheit und Jugend an diesem schönen Ort verbracht.
Das Interesse meines Vaters am Thema Mission blieb ungebrochen. Er wurde Vorsitzender der Rheinischen Missionskonferenz. Getriggert durch die Nachrichten zum Adolf Eichmann Prozess 1961, stärker aber noch durch Kontakte zur Christlich-Jüdischen Gesellschaft in Düsseldorf, ist meinen Eltern – noch in den 60er-Jahren – das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen bewusst geworden. Sie lernten in Deutschland lebende Überlebende des Holocausts kennen, ebenso Juden, die trotz der nationalsozialistischen Verbrechen wieder einen Neustart in Deutschland versucht hatten.
Meine Eltern fragten sich oft, wie es zum Holocaust hatte kommen können. Mein Vater fragte sich, was auch seine eigene Kirche dazu beigetragen hatte. Mitte der 70er-Jahre führte dies zur Idee des Versuchs einer historischen Aufarbeitung der christlichen Judenmission im Rheinland. Einschlägige Quellen hierzu konnte mein Vater auch in der Erkelenzer Umgebung ausfindig machen. Das Thema der christlichen Judenmission ließ meinen Vater nicht mehr los. Sichtbarster Ausdruck dieses Engagements sind drei von meinem Vater verfasste Bücher.
Aber auch theologisch, und bis in die Verästelungen des Lebens als Gemeindepfarrer, ließ ihn dieses Thema nicht mehr los. Oft hat er mit diesem Engagement seine Gemeinde genervt, beispielsweise durch häufige Predigten über Textstellen aus dem Alten Testament. Ich erinnere mich, dass er über lebhafte und auch kritische Diskussionen im damaligen Presbyterium berichtete, die ihm, empfindlich wie er war, zu schaffen gemacht haben. Er hat damit aber auch viele seiner Kollegen genervt.
An dieser Stelle gilt mein ausdrücklicher Dank Herrn Pfarrer Banerjee, der mir die theologische Dimension des Engagements meines Vaters mit den nachfolgenden Sätzen verdeutlicht hat.
Mein Vater erkannte, wie auch schon viele vor ihm, dass seit Jahrhunderten ein tiefsitzender christlicher Antijudaismus bestanden hatte. Er kam zu dem Schluss, dass die alte Vorstellung „Kirche tritt an die Stelle Israels“ das Herz der Bibel verfehlt. Denn wenn Gott treu ist, bleibt auch die Erwählung Israels bestehen.
Daraus folgte: Mission an Juden widerspricht dem Evangelium. Und gut gemeinte Versuche ihrer Missionierung haben die bleibende Erwählung Israels entwertet. In der Konsequenz war dies eine Absage an jegliche Form der Judenmission.
Nach langen und auch hitzigen Diskussionen erklärte die Rheinische Synode 1980, dass Gottes Bund mit Israel bleibt. Die Synode sagte „Begriff und Sache der Judenmission“ ab. Wenn Gott treu sei, dann bleibe seine Erwählung Israels konstitutiv für die Kirche.
In den Jahren danach geführte Diskussionen bewirkten, dass diese Einsichten nicht nur als Erklärung, sondern als Ordnungssätze festgeschrieben wurden. 1996 findet sich der entscheidende Satz im Grundartikel der Kirchenordnung: „Die Evangelische Kirche im Rheinland bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält. Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“
Dieser Satz hat Folgen:
Für die Christologie: Der Jude Jesus bleibt der Messias Israels. Der Neue Bund hebt den Alten nicht auf.
Für die Mission: Wer Juden missionieren will, widerspricht Gottes Treue.
Für die Bildung: Gemeindepädagogik und theologische Ausbildung müssen Erinnerung und Begegnung mit dem Judentum ins Zentrum stellen.
Für das politische Urteilen: Israel ist nicht zufällig da, seine Existenz ist Ausdruck der Treue Gottes, ohne politische Verklärung, aber auch ohne theologische Relativierung.
Ich finde: Unsere Kirche hat in diesem Prozess eine beeindruckende Demut gezeigt. Und das macht sie mir sehr sympathisch.
Gott schenkt uns Freiheit, doch wir sind nur frei, wenn die anderen es auch sind.
Dr. Johannes Aring
