Gedenken 9.11.2025 Text Gerd Theißen

80 Jahre nach der Shoa – die Erinnerung wachhalten

Nach dem zweiten Weltkrieg fiel den Deutschen eine kritische Rückschau auf die begangenen Verbrechen an Juden, Sinti, Roma und anderen schwer oder fand gar nicht statt. Beweggründe gab es viele, z.B. „sich still wegducken“ wegen eigener Verstrickungen in unterschiedlichen Funktionen oder der Teilnahme an Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus. Manche mochten auch echte Scham gefühlt haben.

Mein Vater war Soldat in der Waffen-SS. Mit 17 Jahren wurde er Ende 1943 eingezogen und zunächst in West-Frankreich eingesetzt. 1944 wurde er bei der Invasion der Alliierten in der Normandie verwundet. Nach der Genesung wurde er im Frühjahr 1945 im Raum Danzig eingesetzt, wieder verwundet und noch aus dem Lazarett heraus nach der Niederlage in Gefangenschaft genommen, die er in England verbrachte. 1948 kehrte er zurück und wurde wie sein Vater Landwirt in Genfeld.

Als ich etwa 10 Jahre alt war (1970) begann mein Vater mir von seinen Kriegserlebnissen zu erzählen. Er verschwieg mir gegenüber nicht, dass er bei der SS war. Es ging ihm vor allem ums Erzählen. Er beschrieb den Soldatenalltag in ruhigen Phasen, aber auch in Kampfsituationen. Er prahlte nicht im Sinne von Heldengeschichten – im Gegenteil, es war eher ein „Sich-von-der-Seele-reden“. Er erzählte mir die gleichen Episoden immer wieder – über Jahrzehnte. Hat er auch von Verbrechen an Juden gesprochen? Nein. Aber er sprach häufiger von der einen Begegnung mit einem KZ-Häftling, der außerhalb des Lagers Dachau im Arbeitseinsatz war.

Mein Vater sagte nicht, wie es zu der Begegnung kam. Aber mein Vater fragte ihn, wie es ihm ginge. „Wissen Sie, dass Sie eigentlich nicht mit mir reden dürfen?“, sagte der Häftling knapp. Mein Vater war vielleicht etwas naiv. Aber er wusste zu dieser Zeit natürlich, dass es Konzentrationslager gab.

Anfangs waren die Schilderungen meines Vaters für mich nur zusammenhanglose Kriegsgeschichten. Aber von Teenagerzeiten an interessierte mich die Zeit des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung aufgrund der persönlichen Geschichte meines Vaters immer mehr. Ich begann auch nachzuforschen, wo die Kriegserlebnisse meines Vaters tatsächlich stattgefunden hatten, sodass ich seine Bewegungen während seiner eineinhalbjährigen Soldatenzeit auf der Landkarte nachzeichnen konnte. Wenn es Lücken gab, fragte ich bei meinem Vater nach. Aber ich insistierte nicht, fragte nicht nach Verbrechen der SS.

Später – schon im hohen Alter – sprach er dieses Thema von sich aus vage an. Ich entnahm seinen Angaben und eigenen Recherchen, dass er selbst nicht an Massakern an Juden oder der Zivilbevölkerung in Frankreich oder Polen teilgenommen hatte. Aber er wusste, dass sie zeitlich oder räumlich nicht weit von ihm entfernt stattgefunden hatten. Es hörte sich wie eine leise Beichte an. Es war Scham, die er mir gegenüber auf diese Weise äußerte.

Sind Schuld oder Verstrickung vererbbar? Nicht direkt, meine ich. Aber ein Bewusstsein dafür kann man schon entwickeln. Ich war am Ende der 70er-Jahre Wehrpflicht-Soldat. Als Sanitätssoldat begleitete ich an einem kalten Herbsttag mehrere Züge junger Rekruten bei einer Schießübung. Im Bereitschaftsdienst als Sanitäter konnte ich mich in einer Holzbaracke neben einen warmen Ofen setzen und in einem Buch lesen. In der Mittagspause kamen die Rekruten in die Baracke und setzten sich an die Tische – die Offiziere saßen zusammen an einem Tisch drei Meter von mir entfernt. Dann hörte ich deutlich den leitenden Offizier zu den anderen am Tisch händereibend sagen: „Kalt hier – legt noch einen Juden auf den Ofen.“ Ich traute fast meinen Ohren nicht. Dachte nur: „Was passiert jetzt?“ Ich wartete auf ein Widerwort der anderen Offiziere. Aber es kam nicht. Und von mir kam es auch nicht – Sekunden und Minuten vergingen. Dann dachte ich, dass ich den Moment verpasst hatte, um noch Widerspruch zu erheben. War es aus der Situation heraus unpassend oder einfach nur meine eigene Feigheit? Und dieses Versagen meinerseits habe ich bis heute nicht vergessen.

Habe ich seinerzeit daraus Konsequenzen gezogen? Zumindest war das Erlebnis in der Baracke einer von mehreren Gründen, um mich auf meinen Wunsch hin während meiner restlichen Wehrdienstzeit vom Waffendienst befreien zu lassen. Und während des Studiums verweigerte ich den Wehrdienst nachträglich. Begleitet war die Entscheidung von vielen Gesprächen mit mir nahestehenden Menschen.

Wir haben es in der Hand, die Erinnerung an die Verbrechen, die an den Juden verübt wurden, wachzuhalten und dem Antisemitismus entgegenzutreten, denn …

Gott schenkt uns Freiheit, doch wir sind nur frei, wenn die anderen es auch sind.    

Gerd Theißen